„KI vernichtet die Einstiegsjobs." Diesen Satz liest man gerade fast täglich. Er klingt plausibel, und er macht Angst, besonders wenn du am Anfang deines Berufslebens stehst.
Ich wollte wissen, was belegt ist und was nicht. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat im Oktober 2026 eine Auswertung veröffentlicht, die genau diese Frage stellt. Die Autoren sind Melanie Arntz, Michele Dinelli und Oliver Schlenker. Hier die wichtigsten Ergebnisse, ruhig eingeordnet.
Was das IAB untersucht hat
Grundlage sind die monatlichen Beschäftigungsdaten der Bundesagentur für Arbeit von Januar 2021 bis Dezember 2025. Sie umfassen rund 22,3 Millionen sozialversicherungspflichtig Vollzeitbeschäftigte zwischen 20 und 64 Jahren. Beamte, Selbstständige und Auszubildende sind nicht dabei.
Die Forscher vergleichen Berufe, die stark von KI berührt sind, mit Berufen, die kaum berührt sind. „KI-nah" heißt hier: Ein großer Teil der Tätigkeiten könnte mit großen Sprachmodellen deutlich schneller erledigt werden. Gemessen wird also, was theoretisch möglich wäre, nicht, was Betriebe tatsächlich einsetzen. Das ist wichtig für alles, was folgt.
Das Gesamtbild: kein Einbruch
Seit dem Start von ChatGPT Ende 2022 hat sich die Vollzeitbeschäftigung in KI-nahen Berufen nicht schlechter entwickelt als anderswo, im Gegenteil. Bis 2025 lag sie in diesen Berufen rund 1 Prozent höher als 2022. In den weniger betroffenen Berufen lag sie gut 3 Prozent darunter.
Bei den 30- bis 39-Jährigen wuchsen KI-nahe Berufe um fast 6 Prozentpunkte stärker, bei den 40- bis 64-Jährigen um etwa 5 Prozentpunkte. Von einer „Jobapokalypse" ist in diesen Zahlen nichts zu sehen.
Der Vorbehalt: die Jüngeren
Bei den 20- bis 29-Jährigen sieht es anders aus. Ihre Beschäftigung in KI-nahen Berufen sank von 2022 bis 2025 um 3,8 Prozent, in den übrigen Berufen um 2,6 Prozent. Das sind 1,2 Prozentpunkte Rückstand.
Das IAB ordnet das vorsichtig ein: Der Zusammenhang ist bei den Jungen zunehmend negativ, aber statistisch nicht signifikant. Die Zahlen sind ein Hinweis, kein Beweis. Die Auswertung ist nach Angaben des IAB „rein deskriptiv" und weist daher keine Ursache nach.
Die Konjunktur wiegt schwerer
Der stärkste Faktor für die schwache Entwicklung bei jungen Beschäftigten ist laut IAB nicht die KI, sondern die Wirtschaftslage. Der Konjunktureffekt ist bei den Jüngeren mehr als doppelt so stark wie der KI-Effekt. Wer in konjunkturanfälligen Branchen einsteigt, spürt das deutlich: Dort lag die Beschäftigung der 20- bis 29-Jährigen 2025 um etwa 4,2 Prozent schlechter.
Für Bewerber heißt das: Wenn Einstiegsstellen knapper werden, liegt es nach dieser Studie eher daran, dass Unternehmen in unsicheren Zeiten weniger neu einstellen, als daran, dass KI die Stellen übernimmt.
Überraschung: nicht die Akademiker
Man würde erwarten, dass es vor allem Akademiker mit Schreibtischjobs trifft. Die Daten zeigen etwas anderes. Bei akademischen Berufen findet das IAB keinen signifikanten Effekt. Negative Zusammenhänge zeigen sich eher bei nichtakademischen Berufen und im Verarbeitenden Gewerbe, dort bei jungen Beschäftigten um etwa 6 Prozent im Jahr 2025. Im Dienstleistungssektor ist kein signifikanter KI-Effekt erkennbar.
Warum das so ist, klärt die Studie nicht. Dafür bräuchte es Daten darüber, wie Betriebe KI tatsächlich einsetzen.
Was daraus folgt
Ich ziehe drei Schlüsse, und bei allen bleibe ich bei dem, was die Zahlen hergeben:
- Panik ist nicht angebracht. Ein breiter Beschäftigungseinbruch durch KI lässt sich in den deutschen Daten bis Ende 2025 nicht nachweisen.
- Wachsam bleiben ist trotzdem richtig. Der Zusammenhang bei den Jüngeren wird negativer. Das IAB will ihn über 2025 hinaus weiter beobachten.
- Allein die Schlagzeilen führen in die Irre. Ein Rückgang bei Einstiegsstellen hat mehrere Ursachen. KI ist einer der möglichen Faktoren, die Konjunktur wiegt nach dieser Studie schwerer.
Und wenn du gerade einsteigst?
Dass KI die Arbeit verändert, heißt nicht, dass sie dich ersetzt. Aber Aufgaben, die rein aus Routine bestehen, tragen weniger. Wichtiger wird, was du zusätzlich mitbringst: Verantwortung für ein Ergebnis, Urteilsvermögen, der sichere Umgang mit KI-Werkzeugen im eigenen Fachgebiet.
Genau das sollte dein Lebenslauf zeigen. Nicht „Daten eingegeben", sondern „Datenqualität verbessert und Fehlerquote gesenkt". Nicht „Texte erstellt", sondern „Texte mit KI-Unterstützung erstellt, geprüft und freigegeben".
In den nächsten Folgen schaue ich mir an, wie sich Berufe und Stellenanzeigen konkret verändern.
Quelle: Arntz, Dinelli, Schlenker: KI als Jobkiller für Berufseinsteiger? Entwarnung mit Vorbehalt, IAB-Forum, 13. Oktober 2026.




